Annette Kolb





Annette Kolb wurde am 3. Februar 1870 in München als Tochter der französischen Pianistin Sophie Danvin-Kolb und des deutschen Gartenarchitekten Max Kolb geboren. Sie wuchs in einem liberalen, kultivierten Haus auf, in einem München, das sich um die Jahrhundertwende als geistig aufgeschlossene, frankophile Metropole verstand. In dieser Atmosphäre entwickelte sie früh ein ausgeprägtes Bewusstsein für intellektuelle Unabhängigkeit und internationale Verständigung. Ihre deutsch-französische Herkunft sollte ihr Denken und Handeln zeitlebens prägen.
Im Alter von sechs Jahren musste sie das vertraute Elternhaus verlassen, um die Klosterschule der Salesianerinnen bei Hall in Tirol zu besuchen. Die strenge religiöse Erziehung, die Abkehr vom freiheitlich geprägten Elternhaus und der Mangel an geistigen Anregungen hinterließen tiefe Spuren. Die Erfahrungen dieser Jahre führten zu einer Persönlichkeits- und Glaubenskrise, die sie bis ins hohe Alter beschäftigte und wiederholt literarisch reflektierte. Trotz der geistigen Enge des Klosterlebens bewahrte sie sich ihre Neugier und ihre Leidenschaft für das Lesen. Literatur wurde für sie zu einem Ort geistiger Freiheit und des inneren Widerstands.
Ebenso prägend war der Salon ihrer Mutter, ein lebendiger Treffpunkt von Künstlern, Intellektuellen, Bohemiens und Gästen aus verschiedenen europäischen Ländern. Hier begegnete sie Persönlichkeiten wie Auguste Rodin und Hippolyte Taine, später auch Jean Giraudoux und Camille Barrère. Die dort geknüpften Freundschaften erweiterten ihren geistigen Horizont nachhaltig und förderten jene kosmopolitische Haltung, die ihr gesamtes Leben bestimmen sollte. Freiheit und Unabhängigkeit wurden für sie zu zentralen Werten, auf die sie nach ihrer Zeit im Kloster niemals verzichten wollte. Obwohl sie zunächst eine musikalische Laufbahn als Pianistin anstrebte, entschied sie sich schließlich für das Schreiben. Seit der Jahrhundertwende veröffentlichte sie Essays, Rezensionen und politische Betrachtungen; 1913 erschien ihr erster Roman Das Exemplar, für den sie den Fontane-Preis erhielt.
Schon als junge Frau zeigte Kolb großes Interesse an politischen Fragen, insbesondere an der Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs bedeutete für sie nicht nur eine politische, sondern auch eine persönliche Katastrophe. Während viele Intellektuelle den Krieg begrüßten, warnte sie vor nationalistischer Verblendung und trat öffentlich für Frieden und internationale Verständigung ein. Nach ihrem Dresdner Vortrag vom 25. Januar 1915 wurde sie massiv angefeindet und als Verräterin diffamiert. Im selben Jahr verlor sie innerhalb weniger Monate ihre Mutter und ihren Vater. 1916 verhängte das Bayerische Kriegsministerium eine Reise- und Briefsperre gegen sie; ihre Post wurde überwacht und ein Verfahren wegen Landesverrats eingeleitet. Anfang 1917 emigrierte sie mit Unterstützung Walther Rathenaus in die Schweiz und entging so einer drohenden Verhaftung. Das Exil war von finanzieller Not, politischem Misstrauen und dem Gefühl der Entwurzelung geprägt. Zugleich entstanden dort enge Freundschaften mit Persönlichkeiten wie Romain Rolland, Hermann Hesse, Stefan Zweig und vor allem René Schickele, der zu ihrem wichtigsten Weggefährten werden sollte.
Nach dem Krieg nahm Kolb ihre Bemühungen um die deutsch-französische Verständigung wieder auf. 1923 ließ sie sich in Badenweiler nieder, wo sie Nachbarin von René Schickele wurde. Die Überwindung nationaler Gegensätze und die Idee eines friedlichen Europas blieben fortan zentrale Anliegen ihres Denkens und Schreibens.
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten bedeutete einen weiteren tiefen Einschnitt. Bereits beim Hören von Hitlers Antrittsrede am 31. Januar 1933 glaubte Kolb die Vorzeichen eines neuen Krieges zu erkennen. Nachdem Freunde sie vor möglichen Konsequenzen ihrer öffentlichen Äußerungen gewarnt hatten, verließ sie Deutschland am 21. Februar 1933 und ging erneut ins Exil. In den folgenden Jahren führte sie ein ruheloses Wanderleben zwischen der Schweiz, Luxemburg, Irland und Frankreich, bevor sie sich Ende 1934 in Paris niederließ. Frankreich wurde ihr zur zweiten Heimat; 1936 erhielt sie die französische Staatsbürgerschaft. Die Pariser Jahre gehörten zu den produktivsten ihres Lebens und wurden zugleich durch einen intensiven Briefwechsel mit Freunden und Weggefährten geprägt.
Das Leben in Frankreich fand jedoch mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs ein jähes Ende. 1940 starb René Schickele, kurz darauf rückten deutsche Truppen auf Paris vor. Kolb floh zunächst nach Genf und gelangte schließlich über Spanien und Portugal in die Vereinigten Staaten, wo sie im Frühjahr 1941 eintraf. Dort fühlte sie sich trotz guter Englischkenntnisse fremd und entwurzelt. Halt fand sie vor allem in ihrer Arbeit sowie im Austausch mit anderen Exilierten, darunter Erika und Klaus Mann, Carl Zuckmayer und die Familie Werfel.
Erst nach Kriegsende kehrte sie im Oktober 1945 nach Europa zurück.
Die Rückkehr gestaltete sich schwierig. München lag in Trümmern, viele vertraute Orte ihrer Kindheit existierten nicht mehr. Dennoch ließ sie sich von der Aufbruchsstimmung der Nachkriegszeit mitreißen und engagierte sich erneut für die deutsch-französische Verständigung, die sie als Grundlage eines künftigen vereinten Europas verstand. Ihr Wirken wurde zunehmend gewürdigt: Sie wurde Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz (1949) sowie der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (1950), erhielt den Literaturpreis der Stadt München (1951), den Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main (1955), die Ehrenbürgerschaft Badenweilers (1955), das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (1959), den Bayerischen Verdienstorden (1961), den Literaturpreis der Stadt Köln (1961) sowie 1966 den Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste. Zudem wurde sie in die französische Ehrenlegion aufgenommen. 1961 verlegte sie ihren Wohnsitz endgültig von Paris nach München. In ihren letzten Lebensjahren wandte sie sich verstärkt Fragen jüdischer Geschichte und Kultur zu. Aus der Begegnung mit Elazar Benyoëtz im Jahr 1963 entwickelte sich eine enge Freundschaft. Im März 1967 erfüllte sie sich einen lang gehegten Wunsch und reiste nach Israel. Die Reise hinterließ einen bleibenden Eindruck und wurde für sie zu einer persönlichen wie geistigen Annäherung an das Land. Am 3. Dezember 1967 starb Annette Kolb im Alter von 97 Jahren in München.
Kurzbiografie
1858 Hochzeit von Max Kolb (geb. 1829), unehelicher Sohn der Juliana Friederike Lorz, Zofe der Königin Therese von Bayern, und des späteren Königs Max II. von Bayern, mit der französischen Pianistin Sophie Danvin (geb. 1840). 1860 zieht das Paar von Paris nach München, da Max Kolb zum königlichen Gartenbauinspektor berufen wird.
1868 Geburt der Schwester Germaine (gest. 1949).
1865 Geburt von Annette Kolbs Schwester Louise (gest.1890).
1870 3. Februar Geburt von Anna Mathilde, genannt Annette.
1874 Geburt des Bruders Emil (gest. 1933).
1876 Geburt des Bruders Paul (gest. 1965).
1880 Geburt der Schwester Franziska (gest. 1946).
1876-1882 Annette Kolb besucht die Klosterschule der Salesianerinnen bei Hall in Tirol, über die sie in Torso berichtet.
1882 Besuch des Instituts der Therese Ascher in München.
1892 Begegnung mit Hippolyte Taine und Auguste Rodin in Paris.
1899 die erste selbstfinanzierte Publikation Kurze Aufsätze erscheint.
1903 Reise nach Rom, Begegnungen mit Camille Barrère und Louis Duchesne.
1905 Annette Kolb trifft Jean Giraudoux im Salon der Mutter. Torso erscheint in Die neue Rundschau.
1906 Es erscheinen die Sieben Studien (Essays) und die Briefe der heiligen Catarina von Siena, die von Annette Kolb übersetzt werden.
Um 1909 Vorlesungen bei Max Scheler.
1910 Wilhelmine von Bayreuth, Memoiren, übersetzt von Annette Kolb.
1913 Annette Kolbs erster Roman, Das Exemplar, erscheint. Auf Vermittlung von Franz Blei erhält sie den Fontane-Preis.
1914 Wege und Umwege (Essays). Erste Begegnung mit René Schickele, mit dem sie eine enge Freundschaft bis zu dessen Tod 1940 verbinden wird.
1915 Annette Kolb hält im Januar einen Vortrag in Dresden, bei dem es zu einem Eklat und dem Vorwurf des Landesverrats kommt. Sie setzt sich darin für Völkerverstädnisgung und gegen den Krieg ein. Im gleichen Jahr lernt Annette Kolb Romain Rolland kennen. Tod der Mutter am 2. Mai, Tod des Vaters am 22. November.
1916 Briefe einer Deutsch-Französin. März: Das Bayerische Kriegsministerium verhängt eine Reise- und Briefsperre.
1917 Anfang Februar emigriert Annette Kolb in die Schweiz, ermöglicht durch Walther Rathenau. Erste Begegnung mit Ferruccio Busoni in Bern.
1919 Teilnahme am „Berner Internationalen Sozialistenkongress“ im Februar, sie lernt Kurt Eisner und Hugo von Haase kennen.
1921 Zarastro. Westliche Tage.
1923 Hausbau in Badenweiler, Annette Kolb wird Nachbarin von René Schickele und dessen Frau.
1925 Spitzbögen (Erzählung) Wera Njedin (Erzählungen und Skizzen).
1928 Daphne Herbst.
1929 Versuch über Briand.
1930 Kleine Fanfare.
1931 Annette Kolb erhält den Gerhard Hauptmann Preis.
1932 Führerschein und Kauf eines Autos, das Beschwerdebuch (Essays) erscheint.
1933 31. Januar Annette Kolb hört Hitlers Antrittsrede im Radio, sie liest am 5.Februar im Kölner Rundfunk, danach Flucht in die Schweiz. Wechselnde Aufenthaltsorte in der Schweiz, in Luxemburg, Frankreich und Irland.
1934 Der Roman Die Schaukel erscheint, Einzug in eine eigene Wohnung in Paris, Rue Casimir Perrier. August: Annette Kolb besucht die Salzburger Festspiele.
1936 Juni, Annnette Kolb erhält die französischen Staatsbürgerschaft. Übersetzung von Giraudoux`s Stück „La guerre de Troie n`aura pas lieu“ zusammen mit Berta Zuckerkandl.
1937 Mozart. Sein Leben und Festspieltage in Salzburg.
1938 Festspieltage in Salzburg und Abschied von Österreich.
1939 Mai, Teilnahme am Internationalen PEN-Kongreß in New York. Annette Kolb wird in Washington Präsident Roosevelt vorgestellt.
1940 Am 31. Januar stirbt René Schickele. Juni: Annette Kolb verlässt Paris, als die deutschen Truppen näherrücken, Flucht nach Vichy, Cusset und schließlich nach Genf. Glückliche Reise (Bericht über die Kongressreise nach Amerika)
1941 Januar – März: Emigration über Spanien und Portugal nach New York. Franz Schubert. Sein Leben.
1944 Begegnung mit Charles de Gaulle bei einem Empfang im New Yorker Hotel Walldorf- Astoria am10. Juli. In memoriam of July 10th 1944 (unveröffentlicht).
1945 Im Oktober kehrt Annette Kolb nach Europa zurück. Bis 1961 wechselnde Aufenthalte in Paris, Irland Badenweiler, Bern, Genf.
1946 Annette Kolb hält sich erstmals nahc dem Kriegsende in München auf. Rede am 15. Oktober im Comité des Refugiés intellecttuels in Genf – und am 1.November 1946 in der Societé des Gens des Lettres in Bern (unveröffentlicht).
1947 König Ludwig II. von Bayern und Richard Wagner.
1949 Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Sommer mit der Lieblingsschwester Germaine in Badenweiler. Tod von Germaine.
1950 Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.
1951 Verleihung des Kunstpreises für Literatur des Jahres 1950 der Stadt München.
1954 Blätter in den Wind. (Essays)
1955 Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main. Ehrenbürgerschaft der Gemeinde Badenweiler.
1956 22.Januar, Der 200. Jahrestag von Mozarts Geburtstag. Rede zur Eröffnungsfeier in Zürich.
1958 Mitglied der Légion d`honneur.
1959 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.
1960 Memento. (Bericht über die Exiljahre 1933 – 1946)
1961 Chevalier de la Légion d`honneur. Bayerischer Verdienstorden. Literaturpreis der Stadt Köln. 16.Mai: Umzug von Paris nach München, Händelstr.1.
1964 Zeitbilder. 1907 – 1964 (Essays)
1966 Pour le mérite für Wissenschaften und Künste.
1967 Großes Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. März: Reise nach Israel. Annette Kolb stirbt am 3. Dezember in München.
Eine ausführliche Darstellung enthält das Buch von Armin Strohmeyr: Annette Kolb: Dichterin zwischen den Welten. Frankfurt a.M. 2017 enthalten.
